Unverstand
.die Idee

war eigentlich recht simpel.
Lebe.
Aber irgendwas funktioniert nicht. Etwas ist nicht so wie es sein soll. Jeden Tag starre ich im Vorbeigehen in die Gesichter wildfremder Menschen und erkenne nichts als den Drang schnellst möglich an mir vorbei zu kommen. Und dieses Schema spiegelt sich in allem wieder. Immer geradeaus. Auf der gesamten modernen Welt rennt jeder schnell, zu schnell, auf sein Ziel zu und will dort ankommen, noch bevor irgendwer anders überhaupt merkt, was Sache ist. Natürlich werden die kleinen Freuden im Leben dadurch vergessen.

Fein. Nun könnte man annehmen, dass man auf so was nichts geben sollte und man wenigstens in seiner kleinen Welt seine kleinen Freuden behält.
Falsch.
Dies wird von der Moderne nicht zugelassen. Alles bewegt sich so unglaublich schnell. Wenn man inne hält und einen Moment im Leben einfach genießt, hat dies nur einen Effekt zur Folge. Die Welt dreht sich subjektiv schneller. Ja, vielleicht konnte man wenigstens einmal abschalten. Aber das ist es nicht wert. Nicht mehr.
Was also läuft falsch?

Die Antwort darauf würde sicher bedeutet, dass ich zur Abwechslung einmal schlafen kann. Ich bin es leid. Die Welt ist ein verdammter Kreis. Nicht, weil die Natur und Gott es sich so dachten, nein, die hatten was viel simpleres im Kopf, als einen dummen Kreis. Nein, wir machen es. Wir schaffen. Wir kreieren. Wir zerstören. Wir bauen wieder auf. Gottes Wut und die Enttäuschung der Natur. Gattung: Mensch.
Unser Leben ist eine Parodie und wir sind alles verkannte Komiker.
Aber wieso? Wieso, wieso, wieso?
Heißt es nicht, dass jeder seines Glückes Schmied sei? Sind wir nicht mit einem Intellekt und einer Denkweise gesegnet wurden, die es uns möglich macht, doch zumindest unsere kleine Welt besser zu gestalten? Sollten wir nicht in der Lage sein, Dinge so zu verändern, dass Gott stolz auf uns wäre?
Natürlich. Nicht.
Und dann streben Menschen nach dem "Großen" im Leben und machen sich Sorgen um all die kleinen, nichts sagenden Dinge, die ihren Alltag bestimmen, wie das Licht den Flug der Motten lenkt. Mein Favorit darunter ist immernoch "Kein Bier."
Kein Bier.
Du sitzt mit guten, weniger guten, und dem besten Freund bei einer gut gestimmten Partéy zusammen. Die Nacht wird länger und das Blut rennt Schlängellinien im Körper. Und als du vom Klo (oder den Büschen, bei Open-Air-Besäufnissen) kommst, starrst du auf die Menge gesichtsloser Affen. Du weißt, du bist einer von ihnen, ihr teilt dieselben Interessen und an Abenden wie diesen solltest du Spaß empfinden, mit diesen Menschen. Mit dieser Menge.
Kein Bier.
Das, und nur das, ist das einzige, was die Menge beschäftigt. Die Getränke werden knapp. Ja, auch du merkst, wie der Alkohol langsam aus deiner Wahrnehmung fließt.
Was ist der Unterschied?
Dir es ist es egal. Sicher wäre ein Schluck mehr nicht schlecht, aber du würdest keinen Aufstand deswegen machen.
Das ist die Menge. Hirnlos. Gesichtslos. Nicht der einzelne Mensch, und auch nicht die Menschheit an sich. Es ist die Menge, die euch hassenswert macht.
Und dann schüttelst du den Kopf, drehst dich um und setzt ich rauchend in die Dunkelheit. Irgendwann, vielleicht, kommt ein guter, oder der beste, Freund und fragt was los sei.
Nun passiert eines der folgenden Situationsklischees.
1: Ein Freund kommt und fragt, was los sei. Wenn du dann erklärst, dass du grade nicht in der Stimmung bist, plärrend über Biermangel alte deutsche Popklassiger zu grölen, wird dieser Freund entweder
1A: sagen, dass es eine Party ist und du die Stimmung versaust,
oder 1B: einfach wieder gehen nachdem er dir dein Namen ins Ohr spuckt, dich umarmt und lallt, dass er es auch schade findet.
2: Dein bester Freund kommt und fragt, was los sei. Du erklärst es ihm und er wird entweder
2A: sagen, dass du recht hast, sich zu dir gesellen und mit dir ein wenig die Dunkelheit teilen, bis auch er wieder aufsteht und sich unter die Menge mischt,
oder 2B: behaupten, dass du nicht einmal versuchst, einfach dabei zu sein.

Es gibt noch den Ausnahmefall, dass er tatsächlich verständnisvoll (also nüchtern) genug ist, um dich mit Worten eines Freundes aus der Dunkelheit zu holen und du zumindest mit ihm (und vielleicht ein oder zwei anderen) den Rest der Nacht genießen kannst. Daran erinnern kann ich mich allerdings nicht.

Was nun also, wenn auch der Mensch, der dir freundschaftlich sehr viel bedeutet, nur Menge ist? Für mich ist das ein Grund zu schreien. Damit wurde wieder eine kleine Freude genommen. Und mit jedem Mal wo ich so allein im Dunkel war, und dies genoss, lief die Welt der Menge schneller an mir vorbei. Heute weiss ich nicht mehr, wo ich bin.
Und dann, letztlich, toleriere ich.

Meine Idee war recht simpel.
Akzeptanz.
Lebe dein Leben und ich lebe meins. Wir können einander nicht verändern und es gibt auch keinen Grund - und kein Recht - dazu. Wir können nur des anderen Leben akzeptieren und durch Anwesenheit, und dem zeigen dieser, miteinander zu einem Grad wandeln, an dem wir uns als zugehörig identifizieren. Sollte dieser Grad nicht erreicht werden, macht es auch nichts. Wir sind ja immer noch da, nur gelöster.
Und in der Realität ist dies Schwachsinn. Hier wird toleriert, nicht akzeptiert.
Toleranz ist nichts weiter als das hinnehmen von Tatsachen, die man nicht akzeptieren kann, weil man sich der Sinnlosigkeit des Widerspruches bewusst wurde. Sinnlosigkeit oder Schwierigkeit - je nach Fall. Aber meist kann man den Hass und die Abscheu bei tolerierenden Individuen noch sehr gut erkennen.
Sie wollen nicht. Sie müssen. Sie können es nicht verstehen und wollen es auch nicht. Alles, was sie wollen ist ihre Ruhe. Und dennoch setzt der Verstand einen Bruchteil einer Sekunde aus, wenn das zu tolerierende Objekt ihr Wahrnehmungsfeld (ungefragt) betritt. 
Ich persönlich kann nur tolerieren. Dann läuft wieder ein gesichtsloser Mengen-Mensch schneller an mir vorbei und ich frage mich, wer von uns beiden nicht richtig funktioniert.

Die Idee war eigentlich simpel.

4.1.07 08:01


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